Was ist eigentlich eine „männliche Sicht“ auf Sexualität?

Was ist eigentlich eine „männliche Sicht“ auf Sexualität?

Was ist eigentlich eine „männliche Sicht“ auf Sexualität?
Vermeintlich wohl nichts, das gute Erfahrungen möglich macht. So zumindest klang es in den einleitenden Sätzen in der insgesamt sehr gelungenen Sendung „Scobel – Sex als Ressource“ vom 10. Juni 2021
https://www.3sat.de/wissen/scobel/scobel—sex-als-ressource-100.html

Weil ich das so nicht stehen lassen konnte, hatte ich schließlich eine E-Mail an 3Sat und Herrn Scobel geschrieben. Eine Antwort habe ich nie bekommen. Aber ich meine, dass es sich für uns alle lohnt, dieser Frage nachzugehen. Gerade damit wir künftig mehr und mehr gute Erfahrungen mit Sexualitäten aus männlicher Sicht machen können!

Deshalb hier noch einmal meine oben erwähnte E-Mail vom 18. November 2021 zum Nachlesen:

Betreff: Scobel – Sex als Ressource, Sendung vom 10.06.2021

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Scobel,

die Sendung ist zwar schon vor fast einem halben Jahr gelaufen, aber ich finde erst jetzt – nach Fertigstellung meines dritten Buches – Zeit, Sie anzuschreiben, weil mir die ersten zwei einleitenden Sätze der Sendung „Sex als Ressource“ wie Widerhaken stecken geblieben sind.

Vorweg möchte ich betonen, dass ich diese Sendung insgesamt sehr gelungen fand, und sich damit sicher für viele Menschen sicherlich erweiternde Perspektiven auf menschliche Sexualität aufgetan haben. Dafür meinen persönlichen und fachlichen Dank.

Vielleicht gerade deshalb bin ich über die beiden einleitenden Sätze gestolpert, die so schnell vorbei waren, dass sie mir fast entgangen wären, hätten sie nicht Schmerz in mir ausgelöst:

„Die Anpassung an die meist aus männlicher Sicht vorgegebenen Norm wäre in der Tat für die Entwicklung individueller Sexualität ein Rückschritt. Besser ist es, selber für sich gute Normen zu entwickeln. um gute Erfahrungen zu haben.“

Screenshot der Sendung

Screenshot der Sendung „Scobel – Sex als Ressource“

Nun, ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit den Zuschreibungen, Rollenzuweisungen und Botschaften, die uns vorgegeben werden und uns in unserer individuellen Entfaltung beeinflussen.
Dies bedeutet für mich auch, zu hinterfragen, welche Zuschreibungen und Botschaften wir in Bezug auf jedes der Geschlechter haben. Seit 2014 gehe ich diesen Fragen auch beruflich nach. Aus dieser Perspektive heraus – und weil dieser Satz so selbstverständlich beiläufig die Sendung einleitete – sehe ich es als meine berufliche Aufgabe an, einmal genau nachzufragen.

Was genau ist mit „aus männlicher Sicht vorgegeben“ gemeint?

Was genau soll eine „männliche Sicht“ überhaupt sein? Kennen wir diese „männliche Sicht“ überhaupt? Kennen wir sie wirklich? Oder folgen wir hier einmal mehr lediglich einer vorgegebenen Normierung, die uns selbstverständlich glauben lässt, dass „männliche Sicht“ und „Entwicklung individueller Sexualität“ ein Gegensatzpaar seien, und zudem so klar und allgemeingültig, dass es gar nicht lohnt, sie einmal zu hinterfragen?

Ich will mir die beiden Sätze noch einmal auf der Zunge zergehen lassen:
„Die Anpassung an die meist aus männlicher Sicht vorgegebenen Norm wäre in der Tat für die Entwicklung individueller Sexualität ein Rückschritt. Besser ist es, selber für sich gute Normen zu entwickeln. um gute Erfahrungen zu haben.“

Nun, ich bin ein Mann. 

Ergo betrachte ich Sexualität aus einer männlichen Sicht. Laut diesen beiden Sätzen wäre mir als männlichem Menschen mit eben meiner männlichen Sicht auf Sexualität schlicht nicht möglich, überhaupt für mich selber gute Normen zu entwickeln, um gute Erfahrungen zu haben. Müsste ich dementsprechend meine männliche Sicht offenbar erst ablegen?

Wollen wir das wirklich so stehen lassen? Perpetuieren wir damit nicht Botschaften, die Menschen beibringen, dass – wie Volker Ellis Pilgrim in den 1970ern schrieb –

„Der Mann […] sozial und sexuell ein Idiot“ sei? 

Welchen Bärendienst erweisen wir damit Männern, Frauen und überhaupt Menschen, wenn wir an einem Bild der Mangelhaftigkeit männlicher Sexualität festhalten?

Wäre es nicht besser, dieses Bild infrage zu stellen,

damit männliche Menschen nicht mehr auf eine angeblich „aus männlicher Sicht vorgegebenen Norm“ festgenagelt werden, und sie endlich für sich selber gute Normen entwickeln können?

Unter anderem aus solchen Fragen heraus habe ich in meinem vorletzen Buchprojekt 16 Männer in ganzheitlichen Interviews zu ihrem Erleben beim Sex befragt. Gerade habe ich das nächste Buchprojekt abgeschlossen, in dem ich auch 16 Frauen in ganzheitlichen Interviews zu ihrem Erleben beim Sex befragt habe. 

Bei all diesen Interviews war es mir wichtig, den 16 Männern und 16 Frauen nicht in ihrer Rolle „als Mann“, „als Frau“ zu begegnen. Denn es macht einen Unterschied, ob ich einen Menschen frage: „Wie erlebst Du als Mann/als Frau deine Sexualität?“ oder ob ich frage: „Wie erlebst Du Deine Sexualität?“ 

Aus diesen 32 Gesprächen ebenso wie aus Gesprächen mit vielen meiner Klientinnen und Klienten kann ich beim besten Willen nicht schließen, dass die Sicht männlicher Menschen auf Sexualität weniger individuell wäre als die weiblicher Menschen. 

Vielmehr profitieren sowohl Männer als auch Frauen in der Entwicklung ihrer individuellen Sexualität, wenn WIR gesellschaftlich aufhören, Ihnen Normen vorzugeben und Ihnen überhaupt erst einmal Raum eröffnen, für sich selber gute Normen zu entwickeln, um gute Erfahrungen zu machen. 

Deshalb noch einmal meine Frage zu den beiden oben zitierten Sätzen: 

Was genau ist mit „aus männlicher Sicht vorgegeben“ gemeint? Was genau soll eine „männliche Sicht“ überhaupt sein? Kennen wir diese „männliche Sicht“ überhaupt? Kennen wir sie wirklich? Oder folgen wir hier einmal mehr lediglich einer vorgegebenen Normierung, die uns selbstverständlich glauben lässt, dass „männliche Sicht“ und „Entwicklung individueller Sexualität“ ein Gegensatzpaar seien, und zudem so klar und allgemeingültig, dass es gar nicht lohnt, sie einmal zu hinterfragen?

Ich würde den Menschen wünschen, dass wir gesellschaftlich darüber ins Gespräch kommen!

Mit freundlichen Grüßen

Eilert Bartels

2023-08-26T18:28:26+00:000 Kommentare

Warum wir aufhören sollten, unsere Kinder zu „erziehen“

Warum wir aufhören sollten, unsere Kinder zu „erziehen“

Immer mal wieder begegnen mir in den letzten Jahren in den sozialen Medien Bilder mit einem durchgestrichenen

Protect your daugthers„, und darunter:

„educate, your sons“

Und ich habe auch schon ein paar mal mit eigenen Posts darauf reagiert, in denen ich schrieb:

„Ich finde, wir sollten das Gegenteil tun:

Wir sollten aufhören, unsere Söhne zu erziehen.
Wir sollten aufhören, unseren Söhnen beizubringen, dass „Indianer nicht weinen“.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass ihre Leistung wichtiger sei als das, was sie fühlen.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie stark sein müssen, um ein richtiger Mann zu sein.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie ein Problem seien, weil sie Jungs/Männer sind.
wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie eine Frau erobern müssen.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie zwar Mädchen/Frauen nicht schlagen dürfen, aber selbst Schläge von Mädchen/Frauen hinzunehmen haben.
Wir sollten aufhören, ohne ihre ausdrückliche und volljährige Einwilligung ihre Genitalien zu verstümmeln und das als Kleinigkeit abzutun.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie weniger Empathie benötigen als unsere Töchter.

Wenn wir aufhören, unsere Söhne derart zu erziehen, ist das der beste Schutz, den unsere Töchter bekommen könnten: Jungen, die Empathie erleben durften.
Weil wir als Kinder Empathie am eigenen Leib, an eigener Seele erleben müssen, um unsere Empathie entfalten zu können und als Erwachsene mittfühlend sein zu können.

Hören wir endlich auf, unsere Söhne zu erziehen! Damit sie die mitfühlenden Wesen bleiben dürfen, als die sie auf die Welt kommen.“

Bild einer Mauer mit Graffity darauf, die teilweise durchgestrichen und mit Worten ergänzt wurde. Statt

Was ist eigentlich mit „Erziehen“ gemeint?

Nun gibt es immer wieder Menschen, die aber offenbar Sorge haben, dass die Welt, mindestens aber das Abendland unterginge, wenn wir unsere Söhne nicht mehr erziehen. Zumindest aber gibt es offenbar Klärungsbedarf, was mit „erziehen“ gemeint sein soll.

Eigentlich geht aus meinem obigen Text das ja schon relativ klar hervor, was ich damit meine. Nun schrieb mir aber ein Mensch in einem Kommentar:

„Lieber Eilert, es kommt darauf an, wie man „protect“ und „educate“ versteht.

Dieses Bild bezieht sich darauf, dass Töchter durch Verbote geschützt werden sollen. „Sei vor der Dunkelheit zu Hause“, „tu dies nicht und jenes nicht“ – während die Söhne NICHT dazu erzogen werden, Mädchen/Frauen zu respektieren. Deshalb nützen auch all diese Verbote nichts, die als Schutzmaßnahmen betrachtet werden.

Das Bild kann man so interpretieren: Erzieh deinen Sohn so, dass er mit Mädchen/Frauen/Menschen respektvoll und friedlich umgeht.

Oder anders ausgedrückt: In Fällen männlicher Gewalt gegen weibliche Menschen sollte der Anspruch auf Änderung an die Täter gerichtet werden.

(Im umgekehrten Fall natürlich genauso) 

Man kann deine Punkte insofern auch positiv formulieren::
Wir sollten unsere Söhne friedlich erziehen.
Wir sollten unseren Söhnen beizubringen, dass Indianer sehr wohl weinen.
Wir sollten ihnen beibringen, dass ihre Leistung nicht wichtiger ist als das, was sie fühlen.
Wir sollten ihnen beibringen, dass sie nicht immer stark sein müssen, um ein richtiger Mann zu sein, sondern auch schwach sein dürfen
Wir sollten ihnen beibringen, dass sie Menschen sind – mit allem Potential, das das beinhaltet.
Wir sollten ihnen beizubringen, dass Konflikte ohne Schläge gelöst werden können und sollten.
Wir sollten aufhören, ohne ihre ausdrückliche und volljährige Einwilligung ihre Genitalien zu verstümmeln und das als Kleinigkeit abzutun.
Wir sollten ihnen beibringen, dass sie genausoviel Empathie benötigen wie unsere Töchter.

Was meinst du zu dieser Interpretation? „

Vielen Dank für die Gelegenheit zur Reflektion. Ich möchte meine Antwort auch für diesen Blogbeitrag festhalten:

Ich bedanke mich für die Zusammenfassung, worauf sich dieses Bild bezieht. Denn ich sehe ein Problem darin. Es enthält nach meiner Wahrnehmung die Vorannahme, dass Männer Täter und Frauen Opfer von Gewalt werden, wenn Jungen nicht erzogen werden.

Vorab aber möchte ich eingehen auf den Satz
In Fällen männlicher Gewalt gegen weibliche Menschen sollte der Anspruch auf Änderung an die Täter gerichtet werden.“

Ich stimme dem zu, aber genau das passiert mit „protect your daughters – educate your sons“ eben NICHT. Denn damit wird der Anspruch auf Änderung nicht an die Täter, sondern an nachfolgende Generationen, an unschuldige Kinder weitergegeben.

Und das bereitet – ich kann es nicht anders sagen, einen Nährboden für fortgesetzte Gewalt.

Das Problem mit geschlechtsbezogenen Vorannahmen

Diese Vorannahme ist aus meiner Sicht jedoch selbst schon gewaltsam, weil sie Mädchen die Fähigkeit abspricht, sich selbst schützen zu können und Jungen unterstellt, übergriffig zu werden, wenn man ihnen keine Zügel anlegt.
Diese Vorannahme entsteht, soweit ich es erkenne, daraus, dass eben viel Gewalt von Männern an Frauen beobachtet wird. Aus dieser Beobachtung heraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass Jungen, wenn sie nicht erzogen würden, natürlicherweise gewalttätig gegen Mädchen und Frauen würden, bleibt mir nicht nur zu sehr an der Oberfläche, sondern das halte ich im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung für einen Gewalt begünstigenden Faktor.

(Vor allem gerät dabei leider aus dem Blick, dass Gewalt dahin fließt, wo ein Machtgefälle besteht. Das Geschlecht allein ist keine hinreichende Kategorie dafür, ob ein Machtgefälle vorliegt. Zugleich besteht definitiv ein Machtgefälle dort, wo Erwachsene Kinder erziehen!)

Deswegen finde ich das Ansinnen, die Botschaft hinter „Protect your daugthers – educate, your sons“ positiv zu formulieren,
zwar gut gemeint, aber immer noch nicht gut gemacht.

Warum wir aufhören sollten, unsere Söhne zu erziehen

Aber lasst uns die Sätze einmal durchgehen:

Wir sollten unsere Söhne friedlich erziehen.“

Gerald Hüther erinnert in seinen Vorträgen immer wieder daran, dass Gärtner bei Spalierobstbäumen von „erziehen“ sprechen.
Das heißt, da wird unter gewaltsamer Einwirkung Wachstum in eine gewünschte Richtung gebunden, statt dass Bäume sich in ihrem Wachstum natürlich entfalten dürfen.
Das dient dem Gärtner, der dann eine bequeme Ernte hat, aber nicht dem Baum, der wachsen will.
In diesem Sinne gibt es eigentlich keine friedliche Erziehung. Ich glaube aber, wenn es uns gelingt, Jungen und Mädchen, also alle Kinder in ihrem Wachstum gut zu begleiten, dass sie weitaus friedlichere Menschen werden, als wenn wir ihr natürliches Wachstum zu lenken gedenken. Zugleich werden sie eine gesunde Wehrhaftigkeit enfalten können, weil sie von Anfang an lernen können, dass sie in Ordnung sind, wie sie sind.

Anhand der im oben zitierten Kommentar vorgeschlagenen Sätze wird mir deutlich, wie verdreht der Gedanke an „Erziehung zum erwünschten Verhalten hin“ sich für mich anfühlt:

Wir sollten unseren Söhnen beizubringen, dass Indianer sehr wohl weinen.“

Kinder weinen natürlicherweise von sich aus, wenn sie es brauchen, gesehen zu werden. Das müssen sie nicht beigebracht bekommen. Auch als männliche Kinder müssen sie das nicht beigebracht bekommen. Es reicht, dass sie weinen dürfen.

Wir sollten ihnen beibringen, dass ihre Leistung nicht wichtiger ist als das, was sie fühlen.“

Fühlen müssen wir ihnen auch nicht beibringen. Der Leistungsgedanke ist doch etwas, was erst durch uns Erwachsene in Kinder hineingebracht wird. Natürlicherweise folgen Kinder ihrer Freude – wenn man sie lässt …

Wir sollten ihnen beibringen, dass sie nicht immer stark sein müssen, um ein richtiger Mann zu sein, sondern auch schwach sein dürfen.

Auch hier: es reicht völlig, es ihnen zu erlauben, und das selbst vorzuleben. Dazu braucht es allerdings Väter, Brüder, Freunde die es sich zurückgeholt haben, auch schwach sein zu dürfen. Davon Profitieren übrigens auch unsere Töchter, weil sie erleben dürfen, dass sie nicht schwächer sind als Jungen.

Wir sollten ihnen beibringen, dass sie Menschen sind – mit allem Potential, das das beinhaltet.“

Für Kinder ist das ihr natürlicher Seinszustand. Wir sollten gerade in dieser Hinsicht im Gegenteil vielmehr von ihnen lernen. Sie sind gerade in diesem Bereich die besten Lehrmeisterinnen und Lehrmeister, die wir uns wünschen könnten!

Wir sollten ihnen beizubringen, dass Konflikte ohne Schläge gelöst werden können und sollten.“

Am allerbesten leben wir das vor. Und zwar nicht nur in Bezug auf körperliche Schläge, sondern auch in Bezug auf verbale Schläge. Das nur Jungen beizubringen, aber nicht Mädchen, halte ich allerdings für gewaltbegünstigend, weil das nach meinem Empfinden der oben genannten – an sich schon gewaltvollen – Vorannahme folgt.

Und ich habe ein Fragezeichen bei obigem letzten Satz:

Denn Kinder entwickeln, zumindest nach meiner Erfahrung, wenn sie in ihrer Entfaltung friedlich begleitet werden, ein gesundes Gefühl für die eigenen Grenzen und die eigene Wehrhaftigkeit. Das als Kind entwickeln zu können, ist wichtig. Ist dieses Gefühl entwickelt, können Kinder ihre Grenzen viel leichter kommunizieren, ehe es überhaupt zu Gewalt kommt.
Dieses Gefühl für die eigenen Grenzen und die eigene Wherhaftigkeit nicht entwickeln zu können, führt aus meiner Sicht tendenziell dazu, dass (aberzogene und deshalb nicht mehr gesunde) Wehrhaftigkeit viel häufiger in Gewalt umschlägt – gegen sich selbst, oder eben gegen andere. Gerade hier ist mir durch das Frauenbuch klar geworden, wie unfassbar viel Gewalt auch sich Frauen in unserer Kultur selbst antun müssen, einfach dadurch, dass ihnen eine natürliche Wehrhaftigkeit aberzogen wurde.

Wir sollten aufhören, ohne ihre ausdrückliche und volljährige Einwilligung ihre Genitalien zu verstümmeln und das als Kleinigkeit abzutun.“

Das hast Du ja wortwörtlich von mir übernommen. Ja. Und das gilt für alle Kinder. Mädchen sind zwar diesbezüglich durch die Menschenrechts-Charta geschützt, aber dieser Schutz steht auf sehr dünnem Eis, solange Jungen an dieser Stelle Menschenrechte verwehrt bleiben. Übrigens ist Genitalverstümmelung ein tragischer und massiver Nährboden für die Unterdrückung von Lebendigkeit und Gefühlen.

Wir sollten ihnen beibringen, dass sie genausoviel Empathie benötigen wie unsere Töchter.“

Müssen wir ihnen das beibringen? Wir müssen es doch einfach nur TUN: allen Kindern mit der gleichen Empathie begegnen.

Ich komme zu dem Fazit, dass ich erstens bei meinen Formulierungen bleiben möchte, und zweitens, sie Ergänzen möchte:

Wir sollten auch aufhören unsere Töchter zu erziehen!

Wir sollten aufhören, unseren Töchtern beizubringen, dass sie sich nicht wehren können.
Wir sollten aufhören, unseren Töchtern beizubringen, dass Lächeln ihre beste Option ist, sich zu schützen.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass ihre Leistung wichtiger sei als das, was sie fühlen.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie zart sein müssen, um eine richtige Frau zu sein.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie ein Opfer seien, weil sie Mädchen/Frauen sind.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, ihre eigene Sexualität geringzuschätzen.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie Schläge von wem auch immer hinzunehmen haben. Das gilt für alle Kinder.
Wir sollten aufhören ihnen beizubringen, dass Jungen Schläge von Mädchen hinzunehmen haben.
Wir sollten aufhören, ohne ihre ausdrückliche und volljährige Einwilligung ihre Genitalien zu verstümmeln und das als Kleinigkeit abzutun.
Wir sollten aufhören, ihnen beizubringen, dass sie mehr Empathie benötigen als unsere Söhne.

Ich danke der Kommentatorin für den Impuls zur Reflektion und zum Weiterdenken.

Bild einer Mauer mit Graffity darauf, die mehrfach durchgestrichen und mit Worten ergänzt wurde. Statt

Dieser Artikel wurde erstmals von mir am 4. Oktober 2022 auf facebook veröffentlicht und am 13. Juni 2023 für diesen Blog redigiert.

2023-06-13T14:30:55+00:000 Kommentare

Jahresrückblick 2019

Jahresrückblick 2019
Drei Jahre ist es her,
seit ich dem Impuls gefolgt bin, und erstmals einen Jahresrückblick geschrieben habe. Damals war es die Initialzündung zum Projekt huMANNoid | Männer sind Menschen, das mich seither intensiv begleitet und für das ich natürlich auch da bin, ist es doch „mein Baby“ gewesen.
Seither stehe ich mit dem Projekt in der Öffentlichkeit, und auf der gleichnamigen facebook-Seite findet Ihr alles darüber, wie sich das Projekt entwickelt hat, so dass ich das hier nicht ein weiteres Mal ausbreiten will.


Andererseits bin ich so sehr mit dem Projekt und dem Buch verbunden, dass es natürlich auch in diesem Jahresrückblick eine zentrale Rolle spielen wird. Hier will ich aber den Fokus mehr darauf legen, was das Jahr, das Projekt und das Buch mit mir selbst, dem Mann und Menschen Eilert, gemacht hat.


 
Das Jahr 2019 war krass.
Es war intensiv und fordernd, es hat mir alles abverlangt und noch mehr gegeben. So richtig weiß ich noch nicht, was sich daraus entwickeln wird in den nächsten Jahren.

Sicher ist: Es hat mich verändert. Ich bin sicherer in mir geworden. Mit dem Projekt habe ich mich so sehr in meiner Ganzheitlichkeit gezeigt wie nie zuvor, habe mich „nahbar“ gemacht, wie es eine Freundin ausdrückte, so dass es zur Zeit wenig im Außen gibt, was mich nachhaltig aus meiner Mitte bringt. Ich bin dankbar dafür.

Zugleich hat es mich sensibler gemacht, fast hätte ich verletzlicher geschrieben, aber das trifft es nicht. Eher ist es so, dass ich alte Verletzungen deutlicher spüre, von denen ich zum Teil weiß, dass es Themen in meiner Biografie sind, die ich vielleicht noch bearbeiten darf.
So ist mir im November noch einmal deutlicher bewusst geworden, wie viel Schmerz in mir ist aus der Kindergartenzeit und der Schulzeit, die teilweise von Mobbing und Ausgegrenztsein geprägt war.

 
Das ist die Ebene, die ich bearbeiten kann, auf der ich zuversichtlich und ohne große Angst bin. 
Ich habe in meinem Leben gelernt, Verletzungen anzusehen, zu integrieren und zu transformieren.
 Und das gelingt mir auch allein schon mit dem Projekt selbst: Hier gehe ich mit Menschen in Kontakt, zeige mich, spreche vor Menschen, die mir zuhören (oh, wow!) und bin in diesen Momenten da, voll und ganz präsent.
Sich verletzlich zeigen zu können, das, was früher einmal Gefahr und fast so etwas wie ein „soziales Todesurteil“ war, ist heute – wo ich in der Lage bin, gut für mich und diese verletzten inneren Anteile zu sorgen – ein großes Potential geworden.

Während meiner therapeutischen Ausbildungen sagte ein Mit-Lernender zu mir: „Eilert, Du bist Dir Deiner Macht nicht bewusst.“ Ich wusste das damals noch nicht zu greifen, was er mir damit sagen wollte. Erst allmählich begreife ich. Danke, für diesen wichtigen HInweis!



Es gibt aber noch eine weitere Ebene, die tiefer geht als meine Biografie, mein 51jähriges Leben.
 Eine Ebene, die so viel größer ist als ich, zu groß, um sie wirklich ganz zu überblicken.
 Eine Ebene, angesichts welcher ich manchmal Ohnmacht und Verzweiflung spüre.

Es gibt die Ebene kollektiver Verletzung von Geschlechtlichkeit und Sexualität, die wohl Zeit meines bisherigen Lebens innere Triebfeder ist, mich mit Geschlecht, mit Sexualität und all den Debatten darüber auseinanderzusetzen.
Seit sechs Jahren verfolge ich dabei Gedankenstränge anderer Menschen, die sich zum Thema äußern, aber auch meine eigenen. Ich spüre: Ich sitze da auf etwas, was ich intuitiv zu verstehen beginne, und was raus will, was in Worte und Bilder gebracht werden will. Und ich habe Angst davor! Ich probiere mich damit noch aus in wenigen Vier-Augen-Gesprächen. Ich spüre den Impuls, einen Text dazu zu schreiben. Aber nicht hier und jetzt.
 Der Jahresrückblick ist eh schon so lang.
 
In meinen Lesungen
lese ich immer auch die Zeilen:
„Ich habe genug vom Geschlechterkrieg. 
Mit dem Buch, das ich Euch heute vorstelle, will ich aus dieser Debatte aussteigen.
Vielmehr geht es mir darum, eine ganzheitlichere Sicht auf männliche Menschen zu ermöglichen. Eine Sicht, die nichts verschweigt und nichts beschönigt. Kein Ringen um Rollen und Klischees. Keine neuen Ideale. Ich bin überzeugt davon:
Wir müssen Reifrock und Ritterrüstung ablegen.
 Wenn wir einander wirklich sehen und berühren wollen, müssen wir uns zeigen. Jenseits aller Rollen. Und ich glaube, so wird es auch möglich, einander zu verstehen.“


In diesem Jahr 2019, in dem das Buch erschien, bin ich tatsächlich zunehmend aus der Debatte ausgestiegen.
Das Buch huMANNoid | Männer sind Menschen erschien Ende März, und es gab erstmal viel Freude und Wirbel um das Buch. Viel Anerkennung für meine „Arbeit“, erste Rezensionen erschienen von wunderbaren Menschen, mit denen ich über meine Arbeit schon seit Jahren verbunden bin. Eine gute Freundin meinte: Das Buch wird einschlagen wie eine Bombe! Es gab allererste Lesungen: Die Buchpremiere am 13. April bei uns in der Praxis, dann zwei geschlossene Lesungen auf dem Bundesweiten Männertreffen und dem Barcamp Sex. Eine erste – und bisher die einzige, aber dafür umso wundervollere Buchbesprechung in den „richtigen öffentlichen Medien“ von Mithu Sanyal im Radio (WDR).

(So sehr danke dafür, liebe Mithu!!!)
 
Und danach, ab Anfang Juli, kam erstmal …
nichts …


Funkstille.
Keine Reaktionen, keine Buchbestellungen, nichts.
Journalist*innen und andere Menschen, die angebotene Rezensionsexemplare gern angenommen hatten, antworten auf meine Nachfragen nicht mehr, Menschen, die Lesungen organisieren wollten, meldeten sich zunächst mal nicht mehr zurück. Das tat ganz schön weh, wenn ich ehrlich bin.

Ignoriert zu werden ist immer noch eine krasse Erfahrung für mich.
 
Ich dachte trotzdem erst einmal: okay, ist vielleicht ganz gut. Zeit, das alles zu verarbeiten, und Pläne für die zweite Jahreshälfte zu machen. Alles los zulassen. 
Urlaub in Schottland, mit Judika und unseren fast erwachsenen Kindern waren wundervolle zwei Wochen, um sich daran zu erinnern, dass es neben meiner „Arbeit“, und sei sie noch so wichtig, auch noch ein Leben gibt. Einfach sein, eintach atmen.

 
Mitte Juli kam ich aus dem Urlaub zurück …
und fiel in ein Loch.
 

Ich war müde, so müde. Ab und zu las ich Artikel oder Posts meiner Facebook-Freundinnen und Freunde, Artikel zur Geschlechterdebatte, Femizide, Männergewalt, immer und immer wieder über toxische Männlichkeit, alte weiße Männer und dachte:
Nein! Ich will nicht mehr! Ich kann nicht mehr. 

Fühlte Endlosigkeit, Hilflosigkeit und Ohnmacht. Fragte mich: Wozu habe ich dieses verfickte Buch eigentlich gemacht. Es wird Zeit, dass wir diese Debatte endlich überwinden! Ich will raus aus dieser Hölle. Zwischendurch habe ich gedacht:
„Wenn ich morgen nicht mehr aufwache, wäre ich froh.“
 
Einer Freundin schrieb ich neulich über diese Phase:
„Also ich habe tatsächlich das Gefühl, mir sitzt da eine kollektive Geschlechtertraumatisierung in den Körperzellen. Ich reagiere manchmal so stark körperlich beim bloßen Lesen mancher Artikel. Du kennst vermutlich die Klagen „alter weißer Männer“ darüber, dass sie sich einer Hexenjagd ausgesetzt fühlen. Ich weiß nicht, ob diese Männer das wirklich so empfinden, oder ob das als Abwehr von Veränderung nur so daher gesagt wird. Aber ich kenne das Gefühl körperlich. Manchmal bekomme ich beim Lesen von Artikeln, die die Geschlechterrollen so unausweichlich festnageln HerzrhythmusStörungen, einen Klumpen im Bauch, der um sich frisst. Es fühlt sich dann nach unterschwelliger Panik an.“
(Es gibt einen Teil in mir, der auf kollektiver Ebene zu verstehen beginnt, warum die Suizidrate von Männern so hoch liegt.)

Und dann habe an mir selbst gezweifelt:
Ist das alles nur meins? 
Stimmte meine Motivation nicht? Bin ich einmal mehr meiner Sucht nach Anerkennung aufgesessen? Bereits zehn Jahre zuvor hatte ich nach 30 Jahren Musizierens das Musikmachen aufgegeben, als ich erkannt hatte, dass es mir nicht um die Musik selbst ging, sondern um die verfickte Anerkennung! Die bekam ich für meine Musik sogar, aber die Anerkennung kam damals nicht in meinem Herzen an. War es diesmal wieder so?
 
Mit der Zeit und mit vielen Gesprächen mit engen Freunden (danke, dass es Euch in meinem Leben gibt !!!) kam ich im Laufe des August/September aus diesem Loch wieder raus, und wusste zweierlei:

Erstens: Ich habe das Buch auf jeden Fall um seiner selbst Willen und für mich gemacht. Ich bin daran gewachsen, habe mich entwickelt, und bin mit anderen Menschen in Begegnung gegangen wie vielleicht noch nie zuvor. 
Zweitens: Anerkennung haben zu wollen ist voll okay! Es steckt nicht nur wahnsinnig viel Zeit und Geld in meiner Arbeit, sondern ich will und darf damit auch gesehen werden. Vor allem von mir selbst! Gesehen werden ist überhaupt das elementarste Grundbedürfnis eines jeden Menschen! 

Aber ich darf „mein Baby“, das ich in die Welt gebracht habe, auch loslassen, es „Kind“ werden lassen, auch mal ein paar Schritte allein gehen lassen.
 

Seither bin ich aus dem Loch raus.
Und es kam auch alles wieder in Bewegung, kamen die Menschen wieder auf mich zu, die mich einladen wollten, bei sich zu lesen, und innerhalb einer Woche waren alle fünf Lesungen im November klargemacht.

„Dein Buch sollte eigentlich durch die Decke gehen.
Das ist so wichtig. Und so berührend.“ schrieb mir vor ein paar Tagen eine Freundin.
Nun, es geht bisher nicht durch die Decke Es schlägt auch nicht ein wie eine Bombe.
Daran änderte bislang auch nichts, dass ich noch einmal Geld investiert habe für einen professionellen PR-Menschen, der hunderte von Pressevertretern für das Buch angeschrieben hat. Die Reaktion in der breiten Öffentlichkeit ist bisher praktisch gleich null.

 
Aber da, wo Menschen mit meiner Arbeit, wie es viele nennen, in Berührung kommen, bewegt es die Menschen. Und dafür hat es sich gelohnt. Aber sowas von!
Gerade erst in den letzten Tagen schrieb mir der Veranstalter einer der huMANNoid-Lesungen: „Eines der Highlights in 2019 war dein Buch und die Lesung mit dir bei mir!!! Die Beziehungen zu Menschen, welche auf der Lesung waren, haben sich intensiviert. … Es war richtig und wichtig, dich hier zu haben!“

Eine Freundin schreibt mir: „Insbesondere wollte ich dir erzählen, wie sehr mir die Männer in deinem Buch über eine schwere Zeit hinweggeholfen haben. Ich konnte mich in jedem von Ihnen wiedererkennen, habe mit ihnen gelacht und geweint. Es ist wie eine Reise zu einem selbst! All die Perspektiven, die in uns allen schlummern, doch nicht rauskommen, erst wenn sie getriggert werden! Vielen Dank für dieses wundervolle Geschenk!“


 
Ich bin so dankbar für alles, was mir mein Leben und meine Arbeit in diesem Jahr geschenkt hat.
 An dieser Stelle merke ich, wie schwer es mir fällt, „Arbeit“ und Leben voneinander zu trennen. 
Aber ich bin dankbar zu spüren und zu erkennen, dass das alles, mein Leben, meine Arbeit einen Sinn ergibt.
Das von meiner 2015 verstorbenen Mutter geerbte Geld hat mich die letzten Jahre sehr unterstützt, aber das wird es nicht in alle Zukunft. Danke, dass Du mich genährt hast, Mutti!
 Du bist zwar meinen Fragen ausgewichen, aber Du hast mich nicht infrage gestellt, sondern an mich, Dein Kind, geglaubt. Danke, dass Du mich auch in Zeiten versorgt hast, in denen ich Dich durchaus infrage gestellt habe. Heute beginne ich, zu verstehen.


Was das neue Jahr bringt?
Ich weiß es nicht. Aber ich bin zuversichtlich.
Mein „Kind“ wird weiterlaufen, eigene Schritte machen, und ich sehe meine Aufgabe darin, da zu sein, wenn es mich braucht. Aber ich werde nicht mehr jeden Atemzug überwachen müssen. Im Januar gibt es nochmal drei Lesungen in Wuppertal, Bonn und Köln, dann noch eine Lesung im Oktober in Nürnberg. Alles weitere wird sich finden.

Ich wünsche mir, dass meine Arbeit mich künftig mit genügend Geld versorgt, damit ich sie fortführen kann.


 
Ideen habe ich eine ganze Menge – die nächsten Jahre werden mir mit Sicherheit nicht langweilig.

Gemeinsam mit Judika und Amrita Torosa wird es am 20.3. – zum Weltglückstag in unserer Praxis Beziehungsperspektive einen Workshop zum Geschlechterglück geben. Ich bin gespannt, was wir da aushecken werden.

Judika und ich tragen uns mit dem Gedanken, unsere Erfahrung und unser Wissen aus 30 Jahren Beziehung und fünf Jahren Paartherapeutischen Arbeitens in Buchform zu bringen.

Ein guter Freund möchte mit mir ein Buch zum Thema „Gewalt“ schreiben.

 
Aber was mich selbst eigentlich seit Beginn des Projektes huMANNoid | Männer sind Menschen begleitet: Ich will das Projekt auch noch einmal mit Frauen machen.
 Eine Freundin schrieb mir dazu neulich: „Ich wäre vorsichtig, das Buch als Mann mit Frauen zu machen.“

Mein Gedanke dazu: Ich habe huMANNoid als Mensch mit Männern gemacht. Männer sind Menschen. Frauen sind Menschen. Und als Mensch dieses Buch auch mit Frauen zu machen, würde es für mich erst rund machen. Denke ich da zu naiv? 


 
Wir werden sehen, was uns das neue Jahr 2020, das neue Jahrzehnt bringt.

Ich wünsche Euch und uns allen ein gutes und bewegend berührendes Jahr 2020.
Machen wir etwas Gutes daraus!


 
Jahresrückblick

Eilert Bartels

2020-01-05T20:40:40+00:000 Kommentare

Erfüllende Sexualität – Raus aus dem Druck!

Erfüllende Sexualität – Raus aus dem Druck
Wenn ein Milchkaffee erfüllende Sexualität sein kann


Foto: ulleo / Pixabay

Eine erfüllende Sexualität

Wer wünscht sich das nicht? „Eine erfüllende Sexualität ist es, wenn zwei Menschen danach erschöpft, glücklich und zufrieden in ihre Kissen sinken.“ meldete sich spontan eine Frau mit leuchtenden Augen, als meine Partnerin und ich in einem Gesprächskreis zum Thema „Meine Sexualität“ danach fragten, was eine „erfüllende“ Sexualität eigentlich sei. Dann hielt sie einen Moment inne und das Leuchten in ihren Augen verlosch, ehe sie zögerlich sprach: „Aber dahin zu kommen, das ist die große Schwierigkeit.“ Es scheint also, als müssten wir erst mal Anstrengungen auf uns nehmen, um schließlich zum Ziel zu kommen.

Was eine erfüllende Sexualität sei,

und welche Bedingungen dafür erfüllt werden müssen, das vermitteln uns auch Illustrierte, Film und Fernsehen. Filmpaare mit perfekten Körpern setzen uns Bilder in den Kopf. Zeitschriften und Magazine legen nach: „7 Tricks, wie du sie ins Bett kriegst.“ „10 Tipps, wie er dich sexy findet“, usw. Wir alle sind bis zum Rand vollgestopft mit unzähligen Botschaften über unsere Sexualität, unsere Lust und unsere Körper. Wir haben Vorstellungen und Bilder verinnerlicht, wie unser Sex sein sollte, oder auch darüber, wie es doch tatsächlich sei. „Er muss es ihr besorgen können.“, „Sie braucht ein langes Vorspiel.“, „Männer wollen nur das Eine.“, „Sie muss sexy sein.“, „Die erogenen Zonen der Frau sind nicht leicht zu finden.“ „In langen Partnerschaften schwindet auf Dauer die Lust aufeinander.“ und so weiter. Das Problem ist: Bei so vielen Botschaften und Bildern schwindet auch die Lust auf Sex. Eine „erfüllende“ Sexualität scheint nicht so einfach zu sein.

Wie eine Aufgabe,

die es – nun ja – eben zu erfüllen gilt. Oder zumindest wie ein lang gehegter Wunsch nach etwas, vor dessen Erfüllung erst bestimmte Bedingungen erreicht werden müssen. Wer jemals als Kind sein Taschengeld über viele Monate gespart hat, um sich einen großen Wunsch zu erfüllen, wer jemals eine Woche brav sein musste, damit man am Wochenende mit ins Kino durfte, kennt das. Es ist das Gefühl, Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen und Bedingungen „erfüllen“ zu müssen, um ein Ziel zu erreichen. Und genau das ist es, was einer „erfüllenden“ Sexualität dann im Wege steht: Wie will ich erschöpft, glücklich und zufrieden in mein Kissen sinken, wenn mir nicht bereits das, was davor passiert, Freude und Erfüllung bereitet?

Es lohnt sich also,

sich aus der Vorstellung, etwas erfüllen zu müssen, zu verabschieden. Worum geht es uns eigentlich, wenn wir miteinander Sex haben wollen? In unserer Praxis fragen wir die Menschen gelegentlich danach: „Was ist es, was eine gemeinsam gelebte Sexualität für dich wertvoll macht?“ Eine junge Frau hat das neulich wunderbar zusammengefasst: „Vom Alltag abschalten zu dürfen und endlich nicht mehr funktionieren zu müssen. So sein zu dürfen, wie ich bin und mich dabei angenommen und geborgen zu fühlen – mich gesehen zu fühlen.“
Das befriedigt elementare Grundbedürfnisse des Menschen. Mit dem Erfüllen von Rollen ist das nicht vereinbar. Da kann ich noch so sehr versuchen, die Rolle des tollen Lovers oder der sinnlichen Geliebten zu erfüllen: Wenn ich das jetzt, in diesem Moment nicht bin und nicht fühle, kann ich mich auch nicht gesehen und angenommen fühlen. Wenn wir einander wirklich sehen wollen, dann geht das nur, wenn wir alle Rollen ablegen.

Es ist möglich,

verinnerlichte Botschaften und Rollen zu erkennen, sie anzuschauen und zu hinterfragen: „Stimmt das für mich? Bin ich das wirklich? Fühlen sich diese Botschaften und Rollen gut an? Oder geht es mir nicht gut damit? Empfinde ich dabei Druck? Oder Angst, oder Trauer? Welche Glaubenssätze haben sich in mir daraus entwickelt? Muss ich wirklich immer einen Orgasmus haben? Muss ich immer einen hoch kriegen? Bin nur etwas wert, wenn ich es ihr besorgen kann? Muss ich ihm das Gefühl geben, dass er es „drauf hat“, damit er mich liebt?“ Im Grunde können wir nahezu alles, was wir an Botschaften über Sexualität verinnerlicht haben, und was in uns zu belastenden Glaubenssätzen führt, über Bord werfen. 97 Prozent dessen, was wir über Sexualität vermittelt bekommen, hat möglicherweise nichts damit zu tun, was die eigene Sexualität ausmacht. Es lohnt sich deshalb, neugierig zu sein, und immer wieder zu hinterfragen: Passt das für mich? Trifft es auf mich wirklich zu? Fühle ich mich gut mit dieser Botschaft?

Ein Beispiel:

Zu den Botschaften über die angeblich unterschiedlichen Erregungskurven von Mann und Frau habe ich vor ein paar Jahren Umfragen gemacht. Ergebnis: 92 % aller Teilnehmenden gaben an, dass ihre Erregungskurve je nach Situation stark variiert. Die angeblichen Unterschiede zwischen Mann und Frau lösten sich dadurch völlig auf. Mit dieser Botschaft verknüpfte Glaubenssätze, die uns belasten und in Rollen zwängen, können wir also getrost loslassen. So werden wir offener dafür, zu schauen und zu fühlen. Wir sind aufmerksamer für uns selbst und unsere Partner.

Was uns dabei hilft…

ist konsequent dem zu folgen, was wir gerade fühlen und uns in Achtsamkeit für uns selbst und unser Gegenüber damit zu zeigen, was gerade ist. Den Kopf auszuschalten – auch eine oft gehörte Botschaft(!) – ist dafür übrigens nicht nötig. Der darf ruhig dabei sein. Und wenn mitten im schönsten Vorspiel ein Gefühl – Trauer, Sorgen, was auch immer – quer schießt, ist das völlig in Ordnung. Das Gefühl wird dann ausgesprochen und kann wieder gehen. Oder es ist gerade wichtig, und dann ist es richtig, dass es Raum bekommt. So machen wir die Erfahrung, dass wir mit dem, wie wir sind, angenommen und gesehen werden.
Meine Partnerin und ich haben uns bewusst Zeiträume organisiert, in denen wir einfach mit dem, was sich gerade zeigt, gemeinsam verbunden sind. „Erfüllende“ Sexualität ergibt sich von ganz alleine, indem wir eine „erfühlende“ Sexualität leben. Eine Sexualität, die entspannt genau dem folgt, wonach wir uns gerade fühlen. Und das ist manchmal wildes geiles sich durch die Decken wühlen. Manchmal haben wir aber auch gerade gar keine Lust auf viel Körperlichkeit: „Wollen wir in ein Café fahren und Milchkaffee trinken?“ Und dann lassen wir uns im Café zufrieden und glücklich in die Lehnen unserer Stühle sinken, schauen uns an, und wissen: Erfühlende Sexualität kann alles sein. Auch ein gemeinsamer Milchkaffee. Und beim nächsten Mal gibt´s wieder durchwühlte Decken. Oder ein Rollenspiel. Je nach dem, was sich gerade zeigt. Zu leben was unsere Bedürfnisse in gerade diesem Moment erfüllt: das ist erfüllend.

Artikel erstmals erschienen in: KGS Berlin, Ausgabe 10/2018
für diesen Blog überarbeitet am 09.08. 2019

2019-08-09T19:08:03+00:000 Kommentare

Gedanken zum Edeka Werbespot

Gedanken zum Edeka – Werbespot

Zum Muttertag hat vor ein paar Tagen die große Supermarktkette Edeka einen Werbespot herausgebracht, über den das Internet heiß diskutiert und der die Gemüter – nicht ganz zu unrecht – aufbringt.
Dieser Spot zeigt eine Reihe Väter, die im Zusammensein mit ihren Kindern ihre Ungeschicke des Alltags erleben.
Am Ende wendet sich ein Kind seiner Mutter zu und wir hören den Satz:

„Mama, danke, dass du nicht Papa bist.“

Ich habe mir ein paar Gedanken zum Edeka Werbespot gemacht:

Dieser Spot will provozieren

Und er will Aufregung erzeugen und Aufmerksamkeit für eine Marke erregen. Das ist der Sinn von Werbung.
Hier aber funktioniert die Botschaft nicht.
Denn lassen wir diesen unseligen und familienspaltenden letzten Satz des Clips einmal aussen vor:
Ich schaue – und das meine ich vollkommen Ernst – voller Liebe auf diese Väter, denn Ihnen ist eines gemeinsam, was inzwischen ein paar Generationen von Männern und Frauen in ihrer Kindheit nicht mehr hatten:

Diese Väter sind da!

Sie sind bei ihren Kindern!
Sie sind da, und sie tun etwas, was sehr, sehr menschlich ist: sie machen Fehler. Sie sind voller Liebe und Fürsorge, und ja, sie machen dabei auch Fehler. Und sie bleiben dennoch da. Das nimmt ihnen nicht ihre Würde, im Gegenteil!
Sie leben Menschlichkeit vor.
So, wie das ganz viele Eltern aller Geschlechter tun, so gut es ihnen möglich ist. Und das ist wunderschön und herzerwärmend!
Gibt es etwas Würdevolleres?

Ich habe dieses Video heute abend meinen fast erwachsenen Kindern (17 und 16) gezeigt, und in ihre warmen Augen geblickt. Bis fast zum Schluss. Es ist wirklich nur dieser eine letzte Satz, der diese Wärme mit einem einzigen zynischen Augenblick schockfrostet. Meine Kinder saßen einen langen Moment fassungslos erstarrt da, als würde sich giftige Galle aus dem Bildschirm auf den Tisch ergießen.

Beherzt haben wir das Ganze weggewischt:

Danke, dass es jede*n Einzelne*n von uns gibt!
Danke, dass wir miteinander und füreinander da sind!
Danke, dass wir miteinander und aneinander Fehler machen dürfen, und wir trotzdem für uns alle Platz in unseren Herzen haben.
Danke für die Erinnerung, dass unsere Welt besser ist, als uns Werbemacher einreden möchten, die nichts anderes wollen, als eine Marke zu verkaufen.
Denn
Väter sind Menschen
Mütter sind Menschen
Kinder sind Menschen
Wir sind Menschen

In diesem Sinne:
Alles Gute zum Muttertag!

2019-05-11T14:54:46+00:000 Kommentare

Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Teil des Problems oder Teil der Lösung?

In der Geschlechterdebatte lese ich das des Öfteren, an die Männer gerichtet: „Du bist Teil des Problems, weil es ein strukturelles Problem ist.“

Und ich würde dem nicht widersprechen. Wenn ich Teil des Systems bin, das seit unzähligen Generationen existiert, kann ich mich nicht einfach davon frei machen. Ich kann nicht sagen: „Geht mich nichts an, davon bin ich völlig unbeeinflußt.“
Nur, dass das dann eben nicht nur für Männer gilt, sondern für alle Menschen innerhalb des Systems.

Wir können innerhalb eines Systems nicht sagen:
„Du als Individuum einer Hälfte innerhalb des Systems bist Teil des Problems“, während die andere Hälfte als Teil des Problems unbesprochen bleibt.
Zu verschweigen, dass innerhalb eines Systems alle Teil des Problems sind, gleicht der Absicht, nur aus weißen Feldern ein Schachbrett zu bauen und die schwarzen Felder einfach wegzulassen.
Es ist unhaltbar.

Noch eines:
Mit der Aussage „Du bist Teil des Problems“ mache ich mich automatisch selbst zum Teil dessen, denn ich fokussiere auf das Problem, und nicht auf die Lösung, und trage dazu bei, das Problem aufrecht zu erhalten.
Was könnte sich verändern, wenn wir sagen: „Du bist Teil der Lösung, weil wir die Struktur nur gemeinsam verändern können“? Wir könnten das Potential von Menschen wecken, und damit selbst Teil der Lösung werden.
Wäre das nicht so fabelhaft, wie diese zwei Einhörner?

Foto: pixybay – schach100

2019-04-15T13:36:45+00:000 Kommentare

Über den Mythos der unterschiedlichen Erregbarkeit von Mann und Frau

Der folgende Text erschien erstmals im November 2017 als E-Book für den Online Sexualitätskongress

Über den Mythos der unterschiedlichen Erregbarkeit von Mann und Frau  

eine Forschungsreise 

von  Eilert Bartels

Hallo und herzlich willkommen!

Kennst Du das?

Diese Botschaften, die uns immer und überall über unsere Sexualität vermittelt werden?
Die es jedem von uns oft so schwer machen, einfach ins Fühlen zu kommen? Und uns so oft daran hindern, uns unserer eigenen Lust, unseren eigenen Körpern und auch unserem Partner hinzugeben?

Die Botschaft über die unterschiedliche Erregbarkeit von Männern und Frauen ist Eine davon. Und sie macht uns das Leben ganz schön schwer! Dabei ist sie nur Eines:

Ein Mythos. 

Dieser Mythos ist nichts anderes als ein Glaubenssatz, der seit unendlich langer Zeit in unserer Kultur von Generation zu Generation weitergereicht wird.
Ich möchte Dich einladen, Dir einmal folgende Frage zu stellen:

„Wenn ich einmal auf mein bisheriges Leben zurückblicke: Waren meine Erregungskurven immer, in wirklich jeder Situation gleich?“

Wenn Du diese Frage mit „Nein“ beantwortest, gehörst du zu den etwa 92% aller Männer und Frauen, deren Erregungskurve variiert. Je nach Situation.
Wir sind Menschen, keine Maschinen. Und wir reagieren in jeder Situation sexueller Erregung anders. Zum Glück!
Falls Du zu den 8% Prozent derer gehört, deren Erregungskurve immer gleich ist, möchte ich Dich ermutigen, und die übrigen 92% gleich mit:

Freue Dich! Denn wenn Du magst, gibt für Dich noch ganz viel zu entdecken! Wenn Du Lust verspürst, Lebendigkeit und Vielfalt in Dein Leben zu holen, beginne damit, auf Forschungsreise zu gehen und Glaubenssätze zu hinterfragen. Beginne dort, wo es für Dich stimmig ist. Manche Menschen beginnen über Selbsterfahrungs-Räume, ihr eigenes, lebendiges Selbst zu entdecken, andere über Gespräche mit anderen Menschen, manche lesen vielleicht zunächst einmal Texte, so wie Du gerade diesen hier.
Nutze, was Dir einfällt und Dir entgegenkommt. Egal ob Therapien, Gruppenerfahrungen, Tantra, Bücher, oder Dein ganz und gar eigener Weg des Erforschens. Egal. Wichtig ist: Es ist Dein Weg, und Du hast etwas bei Dir, was Dir zuverlässig den Weg weisen kann:

Dein Bauchgefühl!
Fühl immer wieder hin, ob die Botschaften, die Dir vermittelt werden, sich in deinem Körper gut anfühlen. Und wenn sie sich nicht gut anfühlen, forsche nach. Und orientiere dich daran, was sich für Dich gut anfühlt.

Genauso habe ich es auf meine Art und Weise gemacht, als ich danach geforscht habe, was am Mythos der unterschiedlichen Erregbarkeit von Männern und Frauen dran ist.

Und nun wünsche ich Dir viel Spaß beim Lesen meiner Forschungsergebnisse, jede Menge Entdeckerfreude auf dem Weg Deiner selbst bestimmten Sexualität und vielleicht die eine oder andere Anregung zum Selberforschen.

Von Herzen grüßt Dich

Eilert

————

Über den Mythos der unterschiedlichen Erregbarkeit von Mann und Frau

Frauen [haben] eine langsamere und flachere Erregungskurve als Männer und [benötigen] daher länger, bis der sexuelle Höhepunkt erreicht ist.“

heißt es zum Beispiel auf Wikipedia im Artikel über die sexuelle Reaktion.

Ja genau, so wird es immer wieder gelehrt.

So werden heute oft die Forschungen von Masters und Johnson zusammengefasst.
Das Problem dabei ist: Masters und Johnson haben das nie gesagt oder geschrieben. Vielmehr betonten sie in der Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse: „Die nachstehende Diskussion, die wiederum im Rahmen des Reaktionszyklus erfolgt, sowie die tabellarische Übersicht sollen noch einmal vergleichend die Ähnlichkeiten in der sexuellen Reaktion beim Mann und bei der Frau besonders herausstellen.“

[Masters und Johnson: Die sexuelle Reaktion, dt. Ausgabe Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1970]

Masters und Johnson ging es um Vergleichbarkeit, aber auch darum, Vielfalt menschlicher sexueller Reaktionen sichtbar zu machen.
Darum sind in den so oft zitierten und abgebildeten Erregungskurven von Männern und Frauen verschiedene Linien abgebildet. Sie sollen auf die Vielfalt sexuellen Erlebens hinweisen. Und diese Vielfalt unterscheidet sich nicht nach Geschlechtern.

Viele Menschen haben es traditionell tief verinnerlicht:

das Bild von der nur langsam erregbaren Frau und dem allzu leicht erregbaren Mann. Beinahe scheint es als unumstößliches biologisches Naturgesetz die Rahmenbedingungen zu markieren, innerhalb derer sich Männer und Frauen sexuell begegnen. Es wurde uns ja auch immer wieder vermittelt:

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass mit nur geringen Ausnahmen die Frauen instinktiv der sexuellen Vereinigung widerstehen.“ hieß es z.B. 1961 noch im Ehehandbuch „Liebe ohne Furcht – eine offene Einführung in das Liebesleben“ über die Sexualität der Frau.

Und bereits 1945 erfuhren z.B. wir von dem Psychoanalytiker Theodore Reik (The Psychologie of Sex Relations) über die Männer: Der rohe Sexualtrieb ist eine biologische Notwendigkeit, die vom Instinkt herkommt. (…) Wenn er sehr erregt ist, braucht er eine augenblickliche Entladung.“

Seit den 1960ern sind zum Glück einige Jahre vergangen. Doch obwohl es auch wissenschaftlich längst nicht mehr haltbar ist, erscheint es vielen Menschen immer noch als naturgegeben, dass Frauen schwerer erregbar sind als Männer. Daran änderten bis heute zahlreiche Veröffentlichungen auch namhafter Sexualforscher, die dies widerlegen, nichts:

Kinsey (1948 und 1953), Masters und Johnson (1966), Shere Hite (1976), Daniel Bergner (2014), und viele Andere haben das Bild von der unterschiedlichen Erregbarkeit von Mann und Frau überzeugend in Frage gestellt.

Dennoch halten die meisten Menschen lieber am Gewohnten fest,

und die Populärwissenschaft bietet dazu den nötigen Halt. Die Errungenschaften der sexuellen Revolution der 1960er und der Frauenbewegung der 1970er und 80er Jahre scheinen fast vergessen: Bücher z.B. über das weibliche und männliche Gehirn verfestigen mit inzwischen kaum mehr haltbaren Thesen die tradierten Rollenbilder vom jagenden Mann und der das Feuer hütenden Frau.
Und so kommt es uns bis heute als völlig normal vor, wenn wir hören:

„Die meisten Frauen brauchen, um zum Höhepunkt zu kommen, ein Vorspiel. Die sexuelle Reaktion der Frau verläuft anders als die des Mannes.“

Solche Aussagen fußen fraglos auf immer wiederkehrenden Beobachtungen.
Und die Konsequenz daraus scheint klar zu sein:

Bereits bevor es überhaupt zu ersten sexuellen Begegnungen kommt, haben wir gelernt, was wir zu erwarten, und wie wir zu sein haben:

„Frauen brauchen eine Extraportion Aufmerksamkeit, der Mann muss sich mehr Zeit nehmen, mehr einbringen, sich der Frau anpassen und sich zurücknehmen.“

So heißt es immer wieder auch in den Textantworten in einer von mehreren anonymen Umfragen, die ich seit November 2014 durchgeführt habe.
Wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung bestätigt sich häufig, was wir erwarten. Und viele Menschen finden innerhalb dieses Rahmens durchaus auch Erfüllung und sexuelle Identifikation. Noch mehr Frauen und Männer allerdings leiden unter der Enge dieser Rollenbilder, fühlen sich unsicher und misstrauen den eigenen sexuellen Impulsen ebenso wie denen ihrer PartnerInnen. Auf dieses Misstrauen kommen wir später noch einmal zu sprechen.

In drei Umfragen

haben mir insgesamt über 700 Teilnehmer Antworten gegeben.
Unter anderem auf die Frage, die Du vielleicht selbst oben auf Seite 3 auch schon beantwortet hast:

„Wenn ich einmal auf mein bisheriges Leben zurückblicke: Waren meine Erregungskurven immer, in wirklich jeder Situation gleich?“

Was sind Deine eigenen Erfahrungen?
Stimmt dieses „Naturgesetz“ der unterschiedlichen Erregbarkeit von Männern und Frauen? Immer? Oder gibt es auch Unterschiede in verschiedenen Situationen: Mit dem eigenen Partner, der Affäre, bei der Selbstbefriedigung, bei verschiedenen Praktiken, usw.?
Dabei hat mich auch interessiert, inwieweit die Befragten diesem Bild von der unterschiedlichen Erregbarkeit allgemein zu-stimmen, und ob dies auch mit ihrem persönlichen Erleben übereinstimmt.

In der dritten und inhaltlich umfangreichsten Umfrage hatte ich deshalb um die Angabe der jeweils kürzesten und längsten erlebten Zeit von der ersten Erregung bis zum Höhepunkt gebeten. Hier die Ergebnisse dieser anonymen Internetumfrage mit insgesamt 290 Teilnehmern (192 Frauen, 90 Männer, sowie 8 Teilnehmern, die sich keinem der beiden biologischen Geschlechtern eindeutig zugehörig fühlen):

Erregungskurven lassen sich nicht nach Geschlechtern zuordnen!

Vielmehr sind sich Männer und Frauen im Durchschnitt überraschend ähnlich!

Die Umfrage ergab:
Während Männer mit 2,5 Stunden durchschnittlich längeren Sex erlebten (längste erlebte Zeit bei den Frauen: im Durchschnitt 1h 40min) , gab es im durchschnittlichen Bereich der „erlebten“ Mindestzeit (Männer: 6min16sek; Frauen: 6,min29sek)  keine wirklichen Unterschiede zwischen Männern (26min40sek) und Frauen (22min42sek).

Wenn es nicht die Geschlechtszugehörigkeit ist, die über schnelle oder langsamere Erregung entscheidet – was ist es dann?
Mehrere Sexualforscher und Sexualtherapeuten (darunter David Schnarch und Ann Marlene Henning) weisen auf das Zusammenwirken der genitalen, bzw. physiologischen Erregungskurve und einer emotionalen Erregungskurve hin.
Auf den Ablauf der genitalen Reflexe nimmt die emotionale Erregung Einfluss, d.h., sie kann die Reflexe verzögern, beschleunigen oder auch unterdrücken.
Aus diesem Grund habe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Umfrage auch darüber befragt, inwieweit verschiedene Gefühlslagen in verschiedenen Situationen den Erregungsverlauf beschleunigen, verzögern, oder gar die Erregung zum Erliegen bringen können.
Und wenn auch Männer traditionell gelernt haben, weniger stark emotional zu reagieren als Frauen: Es gibt letztlich kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Aber es gibt eine deutliche Trennlinie zwischen verschiedenen Gefühlslagen, so, dass sich festhalten lässt:

Unterschiedliche Erregungskurven haben nichts mit Geschlechtern zu tun, sondern mit Gefühlen!

Vertrauen (für 77% der Frauen und 56% der Männer:) und Lust ( für 96,5% der Frauen und 89% der Männer) beschleunigen und intensivieren sexuelle Erregung für Männer, stärker aber noch für Frauen. Geilheit beschleunigt die Erregung für 93,5% der Männer und 89% der Frauen deutlich.

Eindeutig auf der anderen Seite der Trennlinie finden sich folgende Gefühlslagen, die die Erregung verzögern oder sie ganz zum Erliegen bringen:
Angst bremst für 92% der Frauen und 88% der Männer die Erregung klar aus. Bei Unlust verzögert sie sich für 96% der Frauen und 90% der Männer. Mit Misstrauen sinkt die Erregung für 96% der Frauen und 85% der Männer deutlich.

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer schrieben,
sie fühlten sich angesichts der unterschiedlichen sexuellen Rollenbilder im Bett verunsichert und dem Druck ausgesetzt, bestimmten Erwartungen an männliches oder weibliches Verhalten zu entsprechen oder dieses zu unterdrücken, um mit dem Partner/der Partnerin erfüllende Sexualität erleben zu können. Das bereits erwähnte Misstrauen spielt bei den tradierten Geschlechterklischees eine tragende Rolle. Männer kommen vom Mars, und Frauen von der Venus? Solange wir das glauben, scheint die Verständigung schwierig zu sein.

Mit diesem Text, wie auch mit meinem Buch „Mannliche und weibliche Erregungskurven“ möchte eine Diskussionsgrundlage dazu schaffen, die in ihrer Festlegung ja ohnehin schon brüchig gewordenen Geschlechterrollen noch weiter zu hinterfragen. Ich denke nicht, dass dabei das „erotisierende Spiel von männlich und weiblich“ aufgegeben werden muss. Im Gegenteil!
Mehr Bewusstheit ermöglicht ja überhaupt erst einen spielerischen Umgang mit Rollen.

Und mehr Bewusstheit wäre wichtig!

Denn unabhängig davon, ob die Befragten dem tradierten Bild männlicher und weiblicher Erregbarkeit allgemein zustimmen, oder ob sie es für allgemein unzutreffend halten, gibt es eine klare Tendenz hin zu der Ansicht, dass ein Mann sich in sexuellen Begegnungen „vor allem auf die Wünsche und auf die Geschwindigkeit Frau einstellen sollte“. Das finden Männer ebenso wichtig wie Frauen. Viele Frauen erkennen heute zum Glück auch für sich selbst die Wichtigkeit, ein gutes und vertrauensvolles sexuelles Selbstbild zu entwickeln, sich und ihren Körper gut zu kennen.

Anders sieht es da bisher leider für die Männer aus:
Für die meisten Frauen und Männer (!) scheint es wenig Bedeutung zu haben, dass Männer sich und ihren Körper gut kennen, oder dass sie ein gutes vertrauensvolles Bild ihrer eigenen Sexualität entwickeln. Das ist schade!
Z.B. sagte mir ein älterer Mann, er habe erst mit Ende fünfzig festgestellt, dass seine Brustwarzen erogene Zonen sind. Das mag auch damit zu tun haben, dass Männern in unserer Gesellschaft allgemein wenig Körper- und Gefühlsbewußtsein vermittelt wird, und dass es auch oft misstrauisch beäugt wird, wenn Männer sich mit ihrer eigenen Sexualität beschäftigen.

Das tradierte Misstrauen sitzt tief:
„Wohin soll das führen, wenn Männer nun auch noch dazu ermuntert werden sollen, ungehindert das zu tun, worauf sie Lust haben?“ fragte mich jüngst eine  dreißigjährige Frau. Eine Blitzumfrage, die ich nach der obigen Auswertung zusätzlich und abschließend noch durchgeführt habe, ergab, dass nicht nur Frauen, sondern tatsächlich auch Männer selbst, männlicher Sexualität spürbar weniger Vertrauen entgegenbringen als der Weiblichen!

Ich frage mich aber:

Woher sollen Männer die Fähigkeit nehmen,
sich auf eine/n PartnerIn einzulassen, wenn sie sich und ihren eigenen Körper selbst kaum kennen, und ihrer eigenen, ihrer männlichen Sexualität nicht trauen?
Darum wünsche mir nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer einen Raum der sexuellen Begegnung. Einen Raum, in dem wir eine offene, gerne auch kritische, aber nicht allein auf Misstrauen eingeengte, liebe- und freudvoll zugewandte Sicht auf männliche, ebenso wie auf weibliche Sexualität entwickeln können.

Ich bin mir sicher:

Die Sehnsucht nach solchen Räumen ist riesengroß!

Die Sehnsucht nach Räumen, in denen wir aus diesen Rollen aussteigen können und uns in unserer Ganzheit gesehen fühlen können.

Fast ein Drittel aller Antwortenden stimmen dem Bild der unterschiedlichen Erregbarkeit von Mann und Frau zwar zu, wünschten sich aber, es wäre anders.
Vielen Menschen mag es leichter fallen, sich mit dem Glauben an die unterschiedliche Erregbarkeit der Geschlechter zu arrangieren, als den Gefühlen nachzuspüren, die einer erfüllenden Sexualität möglicherweise im Wege stehen. Dabei könnte sich das lohnen:

Immerhin 45 Prozent halten das Bild unterschiedlicher Erregbarkeit für unzutreffend.

Und in dieser Gruppe scheint sexuelle Identifikation stärker über das Selbst-empfinden zu entstehen, als über irgendwelche Rollen.

Hier findet sich in den Textantworten häufiger eine Betonung von Eigenverantwortung für das sexuelle Erleben, und auch mehr Bewusstheit für das körperliche und emotionale Erleben während sexueller Begegnungen wird spürbar. Aus diesen Antworten klingt eine größere Vielfalt sexuellen Erlebens in Zeit, Intensität und Vorlieben an.

Das Aussteigen aus den Rollen und Klischees,

die irgendwer uns irgendwann einmal zugewiesen hat, macht es uns möglich, uns als das zu erkennen, was wir wirklich sind: Wesen mit der Möglichkeit zu einer wirklich selbst bestimmten Sexualität.
Ein wichtiger Schritt dahin wäre es, schnellere oder langsamere Erregungkurven als das zu erkennen, was sie sind:

Eine Ausdrucksebene von Gefühlen. Und Gefühle sind nicht geschlechtsspezifisch.

Dieser Text enthält Auszüge aus dem Buch

„Männliche und weibliche Erregungskurven – Ein Plädoyer für eine sexuelle Selbstbestimmung jenseits von Scham und Rollenklischee“, Eilert Bartels, Mai 2016

2019-04-15T12:54:41+00:000 Kommentare